„Diger, was laberst du?“ – Als Dieter Bohlen die Berliner Politikbühne in Schutt und Asche legte

Es war ein ganz normaler Abend in einer der unzähligen politischen Talkrunden, die das deutsche Fernsehen Woche für Woche produziert. Thema: der ewig währende Fachkräftemangel in Deutschland. Experten, Gewerkschafter, Unternehmer und natürlich ein Vertreter der Bundesregierung – in diesem Fall Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich – sollten Lösungen präsentieren.
Statistikfolien wurden gezeigt, Zahlen zu Arbeitslosenquote, Zuwanderung und Ausbildungsdefiziten flogen durch den Raum. Alles wie immer. Bis Dieter Bohlen das Wort ergriff.
Der 71-jährige Pop-Titan, der eigentlich nur als prominenter Gast geladen war, um etwas Volksnähe in die Sendung zu bringen, tat genau das, was man von ihm erwartet – und doch viel mehr.
Mit einem einzigen Satz, der inzwischen durch alle sozialen Netzwerke geistert, veränderte er die Dynamik des Abends schlagartig: „Diger, was laberst du?“

Was folgte, war kein höfliches Politiker-Plaudern mehr, sondern eine der schonungslosesten Demontagen, die ein Bundeskanzler seit langem im deutschen Fernsehen erleben musste. Bohlen, bekannt für knallharte Urteile bei „Deutschland sucht den Superstar“, machte vor der bundesweiten Kamera kein Blatt vor den Mund.
Er sprach nicht in wohlformulierten Politikerfloskeln, sondern in der Sprache der Menschen, die morgens aufstehen und arbeiten gehen müssen, während in Berlin weiter diskutiert wird.
Besonders in Erinnerung bleibt bis heute der Vergleich, den Bohlen zur aktuellen Migrations- und Fachkräftepolitik zog. Er verglich Deutschland mit einem Fitnessstudio, in dem man seit Jahren nur noch über neue Geräte redet, neue Trainingspläne entwirft und Mitgliedsbeiträge erhöht – aber niemand kommt wirklich ins Schwitzen.
„Wir brauchen keine neuen Flyer und keine schicken Prospekte“, so Bohlen wörtlich. „Wir brauchen Leute, die Gewichte stemmen, und zwar jetzt. Und wenn die richtigen Leute nicht reinkommen, weil die Tür mit tausend bürokratischen Schlössern verriegelt ist, dann nützt das schönste Fitnessstudio nichts.“
Der Saal tobte. Das Publikum vor Ort sprang auf, Applaus brandete auf, während Merz sichtlich blass wurde. Der sonst so souverän wirkende CDU-Politiker, der im Wahlkampf noch als der starke Macher präsentiert wurde, saß plötzlich da wie ein Schüler, der beim Schummeln erwischt wurde.
Seine Antworten – gewohnt präzise, voller Zahlen und Verweise auf Gesetzesvorhaben – wirkten auf einmal hohl. Bohlen konterte jeden Versuch einer sachlichen Erwiderung mit einem lakonischen: „Ja, ja, Zahlen. Aber die Menschen draußen wollen Ergebnisse, keine PowerPoint-Präsentationen.“

Die Sendung markierte einen Wendepunkt. Schon in den ersten Minuten nach dem Abspann explodierten die sozialen Medien. Der Clip mit dem legendären „Diger, was laberst du?“ wurde millionenfach geteilt, Memes entstanden binnen Stunden.
Plötzlich war Bohlen nicht mehr nur der ewige DSDS-Juror oder der Modern-Talking-Mann, sondern derjenige, der ausgesprochen hatte, was viele denken: dass die Politik in Berlin den Kontakt zur Lebensrealität der meisten Bürger verloren hat.
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ausgerechnet Dieter Bohlen, der Mann aus der glitzernden Unterhaltungsbranche, zur politischen Stimme einer wachsenden Frustration wurde? Der Weg dorthin war alles andere als geradlinig.
Noch vor gut einem Jahr hatte Bohlen öffentlich bekundet, er würde Friedrich Merz gerne als eine Art inoffizieller Berater zur Seite stehen – nach Vorbild von Elon Musk und Donald Trump. Merz lehnte höflich ab, es kam zu einem freundschaftlichen Telefonat, über das beide Seiten zunächst positiv berichteten.
Doch die Beziehung kühlte schnell ab.
Schon Ende 2025 äußerte Bohlen in Interviews erste massive Enttäuschung. Er sprach von „Versprechen, die nicht gehalten wurden“, von einer „Rolle rückwärts“ durch den Koalitionspartner SPD und von einer Regierung, die eher eine „Blockierung“ sei. Besonders die Wirtschaftspolitik und die mangelnde Durchsetzungskraft von Merz standen im Fokus seiner Kritik.
„Er müsste mal auf den Tisch hauen“, sagte Bohlen damals der Bild-Zeitung. Dass diese Kritik nun in einer direkten TV-Konfrontation mündete, schien fast zwangsläufig.
Die Migrationspolitik der Merz-Regierung war ohnehin seit Monaten eines der am meisten umstrittenen Themenfelder. Nach dem Regierungswechsel 2025 hatte die CDU/CSU-SPD-Koalition zwar angekündigt, die Zuwanderung stärker zu steuern und gleichzeitig gezielt Fachkräfte ins Land zu holen.
Doch in der Praxis versanken die Reformvorhaben in einem Dickicht aus Bürokratie, EU-Vorgaben und innerkoalitionären Streitigkeiten. Unternehmen klagten weiter über fehlende IT-Spezialisten, Pflegekräfte und Handwerker. Gleichzeitig wuchs der Frust in der Bevölkerung über unkontrollierte Zuwanderung in bestimmten Bereichen.
Bohlen traf genau diesen Nerv.
Er sprach nicht von Asylpolitik im juristischen Sinne, sondern von ganz praktischen Dingen: Warum dauert es Monate, bis ein indischer Programmierer eine Arbeitserlaubnis bekommt? Warum scheitern qualifizierte Krankenschwestern aus Südamerika an Sprachzertifikaten, die sie erst nach Jahren erwerben können? Und vor allem: Warum redet man seit Jahren über Lösungen, ohne dass sich für den normalen Mittelständler etwas ändert?
Sein Fitnessstudio-Vergleich war dabei so einfach wie genial. Jeder Zuschauer konnte ihn sofort verstehen. Ein Fitnessstudio ohne Mitglieder ist wertlos, egal wie modern die Geräte sind. Deutschland ohne ausreichend Arbeitskräfte – egal wie viele Konzepte und Strategiepapiere man schreibt – bleibt auf Dauer handlungsunfähig.
Für Friedrich Merz war der Abend ein Desaster. Er, der als harter Sanierer und wirtschaftsliberaler Modernisierer angetreten war, wirkte plötzlich wie der Inbegriff des Berliner Politikbetriebs: viel geredet, wenig bewegt. Die Bilder von ihm – blass, mit fahrigen Gesten, immer wieder ins Stocken geratend – gingen um die Welt.
Kommentatoren sprachen anschließend vom „Merz-Moment“, vergleichbar mit historischen TV-Demontagen vergangener Jahrzehnte.
Doch war das wirklich der Moment, in dem die Stimmung im Land endgültig kippte? Viele Beobachter meinen ja. Die Umfragewerte der großen Koalition befanden sich ohnehin seit Wochen im Sinkflug. Die AfD profitierte weiter, die FDP kämpfte um den Wiedereinzug, während sich bei den Bürgern eine tiefe Politikverdrossenheit breitmachte.
Dann kam Bohlen – und plötzlich hatte diese Verdrossenheit ein Gesicht und eine Stimme. Eine Stimme, die nicht aus dem politischen Establishment kam, sondern aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Unterhaltungsbranche, aus der Welt der Menschen, die Popmusik hören und DSDS schauen.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Während die einen Bohlen als „Populisten“ und „Talkshow-Schreihals“ beschimpften, feierten andere ihn als ehrlichen Menschen, der endlich mal Klartext redet. In den sozialen Medien trendete der Hashtag #DigerWasLaberstDu tagelang. Selbst internationale Medien berichteten über den „deutschen Superstar, der den Kanzler zerlegt“.
Für die Regierung Merz bleibt die Situation heikel. Sie muss nun nicht nur die Fachkräftefrage lösen – eine Mammutaufgabe –, sondern gleichzeitig beweisen, dass sie noch handlungsfähig ist. Jeder weitere Monat ohne sichtbare Verbesserungen wird die Erzählung vom „Fitnessstudio ohne Mitglieder“ weiter befeuern.
Und Dieter Bohlen? Der sitzt wahrscheinlich gerade in seinem Studio in Tötensen, produziert den nächsten Hit und grinst sich eins – weil er genau das erreicht hat, was er wollte: dass endlich mal jemand zuhört.
Ob dieser Abend tatsächlich das Ende der Merz-Ära einläutet oder nur ein besonders spektakuläres Kapitel in der ohnehin turbulenten Geschichte der Berliner Republik wird, zeigt die Zeit. Eins ist jedoch klar: Seit jenem legendären „Diger, was laberst du?“ ist nichts mehr, wie es vorher war.